Bewertung: Null Stern Hotel

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Zugegeben, es war schon eine ganz spezielle Vorfreude, welche vor der ersten Nacht im Null Stern Hotel währte. Wissend das wir die ersten Gäste sind, wissend das es sicherlich spannend wird und nicht wissend wie das Wetter werden würde. Aber der Reihe nach…

Die Inszenierung der Konzeptkünstler

Inszeniert wird das Projekt von den Schweizer Konzeptkünstlern Frank und Patrik Riklin durch das Atelier für Sonderaufgaben. Das Null Stern Hotel besteht aus einem Holzdoppelbett vom ehemaligen Vierstern-Hotel Ekkehard in St.Gallen, ausgestattet mit YAASA Living Matratzen sowie Decken und Kissen, Nachttischlampen, Safe, Holzschemel, Beton, Verbundsteine sowie einem Röhrenfernseher für das Analog-Live-TV (dazu später mehr). Strom ist ebenfalls verfügbar, generiert von einer Autobatterie. Allerdings hat diese nicht gereicht um die Akkus unserer Mobil-Telefone zu laden. Daher rate ich unbedingt mit vollen Akkus anzureisen, um die schönen und seltenen Momente auch per Bild und/oder Video festzuhalten. Die Netzabdeckung war mit LTE übrigens hervorragend. Der komplette Schlafplatz umfasst eine Fläche von rund 600 x 400 x 138 cm.

Der Standort und die Anfahrt

Das Null Stern Hotel (Zero Star Hotel) mit dem Motto „The only star is you“ (der einzige Stern bist Du) befindet sich in diesem Jahr (2017) im Appenzellerland in der Nähe von Gonten, genauer gesagt auf der rund 1.200m hohen Göbsi Alp. Traditionell wird das Konzept Jahr für Jahr an einem anderen Ort umgesetzt. 2016 befand sich das Null Stern Hotel in Graubünden im Safiental. Wo genau das Projekt 2018 umgesetzt wird, ist derzeit noch offen.

Allein die Anfahrt durch das Schweizer Appenzellerland gleicht einer landschaftlichen Malerei. Hügelig, ausgesprochen Grün und stets mit den Bergen, Säntis, Alpstein und Hoher Kasten im Hintergrund. Gonten ist ein kleines, idyllisches Dorf, eingebettet in einem Tal. Der vereinbarte Treffpunkt war der Bahnhof Gonten. Erwartet habe ich offen gestanden ein kleiner, in die Jahre gekommener Bahnhof irgendwo in einem Bergdörfchen. Zugegeben klein war er, aber top modern! An diesem Neubau kann sich so manche Bahngesellschaft für anderswo ein Beispiel nehmen.

Die Abholung

Nach Buchung der Unterkunft wird einem eine detaillierte Beschreibung des Aufenthalts übermittelt. Darunter auch Informationen zum Treffpunkt des Butlers und die Parkmöglichkeit direkt am Bahnhof. Das Parken ist kostenlos. Wie ausgemacht standen wir zum abgemachten Zeitpunkt am Bahnhof. Der Treffpunkt ist die rote Parkbank mit dem Appenzeller Logo / Aufschrift am Bahnsteig. Überpünktlich fuhr der Butler mit seinem Privatwagen vor. Ein stilechter, alter Subaru Geländewagen, wie könnte es auch anders in der Schweiz sein. Schick im weißen Butler-Hemd mit schwarzer Fliege, aber Arbeiterhose und Gummistiefeln. Dies war keinesfalls eine Überraschung, denn genau so ist das Konzept auch gedacht. Oben rum „chic“ unten rum Bauer. Die Überraschung folgte aber zugleich. Nicht nur er selber war da, sondern auch seine zwei Kinder. Eines davon im Kindersitz, das andere ebenso „chic“ angezogen mit Butler-Hemd und schwarzer Fliege. An Originalität kaum zu überbieten!

Willkommens-Begrüssung

Herzlich begrüsste er uns und wir ihn samt Kindern. Wir fuhren einmal quer durchs Dorf, den nächst besten Hügel. Erst auf asphaltierter Strasse, danach auf Schotterpisten. Nach gut 10 Minuten erreichten wir die 1.200m hohe Alp „Göbsi“. Dort befindet sich seine Sommer Alphütte, samt zwei Dutzend Kühen, Hühner und Hund. Seine Frau war bereits vor Ort und begrüsste uns ebenso herzlich.

Es folgte eine Einführung in die Hütte, welche gleichzeitig als Notunterkunft dient bei Regen. Ebenso ist ein einfaches „Plumps-Klo“ vorhanden. Darüber hinaus gab es eine sorgfältige Einweisung für nächtliche Klo-Besuche, den Licht war nur über Batterie-Betriebene Lämpchen möglich. Kein Problem für uns, aber urig…

Der Null Stern Butler Service

Und jetzt wurde es spannend: Wir liegen gemeinsam mit dem Butler und seinem ältesten Sohn den daneben liegenden Hügel hoch. Eine gute 300m Wegstrecke vorbei an Kühen mit Glocken und einer malerischen Landschaft. Auf halbem Weg befindet sich ein kleiner grüner Baustellen Anhänger. Dort gibt es Platz zum sich Umziehen oder seine Sachen zu verstauen. Der Anhänger ist abschließbar, wir haben dazu Schlüssel überreicht bekommen. Genutzt haben wir ihn nie. Wenig später, zu oberst auf dem Hügel erblickten wir es. Das Null Stern Hotel. Perfekt vorbereitet, in weißer Bettwäsche, fein sauber heraus geputzt. In absolut einmaliger Lage, denn direkt dahinter reihen sich die massiven Berge auf. Irgendwie surreal, dachte ich mir. Dementsprechend brauchte ich auch erst einmal fünf Minuten, um die Szenerie zu verarbeiten. Besser wie in einem Film.

Analog Live-TV

Wir wurden für gut 30 Minuten alleine gelassen. Umringt von grünen Hügeln, Bergen, Kühen und Wiesen. Von weitem sehend, kam der Butler samt Familie zurück. Es gab ein Begrüssungsgetränk, einen kleinen Snack, zwei Stirnlampen sowie die angekündigte Analog-Live-TV Vorstellung. Der Butler hielt sich den Rahmen eines alten Röhrenfernseher vor den Kopf und erzählte uns etwas über das aktuelle Wetter, die Wettervoraussichten für die Nacht und den nächsten Tag. Natürlich im original Appenzeller-Dialekt. Wir hatten Glück, das Wetter war perfekt, trocken, warm und nachts nicht unter 19 Grad. Anschließend waren die beiden Kinder dran und erzählten Gedichte sowie Verse. So etwas gibts eben nicht überall, sondern nur im weltweit einmaligen Null Stern Hotel.

Perfektes Licht und herrliche Aussicht

Kurz um, das Licht der Abenddämmerung war perfekt, sodass wir uns spontan entschlossen mit der Butler-Familie ein paar Bilder vor den imposanten Bergen zu schießen. Diese freuten sich mindestens so fest wie wir, den wir waren die ersten Gäste die es zu bewirten gab. So zückte auch die Butler-Familie ihre Digitalkamera und schoss ein paar Bilder mit uns. Auch das gibts im fünf Sterne Hotel kaum. Sie baten uns jederzeit frei zu bewegen, auch auf die Weiden mit den Kühen zu gehen, diese lassen sich streicheln. Ebenso sollen wir jederzeit nachts an die Hütte klopfen wenn es ein Problem gibt oder regnet. Eine Notunterkunft wäre bereit. Noch kurz die Uhrzeit für das Frühstück ausgemacht und dann galt es ernst.

Ab jetzt waren wir also auf uns alleine gestellt. Hoch oben auf dem 1.200m hohen Hügel auf der „Göbsi“ Alp. Kurzerhand machten wir einen Streifzug um den Hügel. Die Kühe waren nicht nur unübersehbar, sie waren auch nicht zu überhören mit ihren riesigen Kuh-Glocken. Erstmal vorsichtig auf Tuchfühlung folgten uns einige überall hin, sodass wir uns kaum mehr retten konnten. Nach einiger Zeit gelang es uns zurück. Lustig!

Einbruch der Dunkelheit

Bei Einbruch der Dunkelheit wurde es Zeit unseren Masterplan umzusetzen. Das vermutlich höchste Freiluft-Kino weit und breit. So zückten wir unser Apple iBook und schauten per LTE-Mobilfunk-Verbindung einen Hollywood Blockbuster. Mitgebrachte Chips und Getränke natürlich inklusive. Selbstverständlich alles auf einem höchst bequemen Hotel-Doppelbett, unter freiem Sternenhimmel. Unglaublich, aber wahr. Willkommen im modernsten Jahrhundert!


Gegen Mitternacht wurde es Zeit die Nachtisch-Lichter zu löschen. Das Gepäck hatten wir unter das Bett geschoben. Safe und auch der verschließbare Baustellen-Anhänger erachteten wir als überflüssig und hatten wir daher niemals genutzt. Dank dem Vollmond und dem klaren Sternenhimmel zählten wir noch schnell die Schäfchen – Verzeihung – ich meinte die Flugzeuge am Himmel welche uns querten und schliefen friedlich inmitten von Kuh-Glocken Gebimmel ein. Gegen drei Uhr in der Früh war ich einmal wach und bemerkte einen warmen Wind, es war jedoch auch dank der Bettdecke nicht kalt. Durch den Vollmond war diese Nacht verhältnismäßig hell und zauberte ein Wunderbares Licht auf das umliegende Panorama.

Sonnenaufgang in der freien Natur

Kurz nach 4 Uhr in der Früh, bemerkte ich den Sonnenaufgang, ehe ich diesen fotografieren wollte, bin ich wieder eingeschlafen und gegen 07:30 Uhr erwacht. Was mir vor allem in Erinnerung blieb, war die unglaubliche nächtliche Stille. Auch tagsüber ist es Location-bedingt ruhig. Aber nachts, nachdem auch die Kühe sich schlafen gelegt hatten, war absolut gar nix zu hören, aus der eigene Atem. Eine ganz eigenartige Erfahrung, die ich sonst nur aus der Wüste kenne. Sehr beruhigend.

Frühstück in der Hütte

Wir machten uns auf den kurzen Weg zur Alphütte für das Frühstück. Doch davor musste noch Zeit sein für die Morgen-Toilette. Wie vom Butler angekündigt, hat er eine Schale mit frischem Wasser vor seine Hütte gestellt. So konnte rasiert und gewaschen werden. Anders, aber es ging. Zum Frühstück war alles bereits vorbereitet. Überschaubar, aber „sau gut“! Wurst, Käse, Melonen, hartgekochte Eier, Butter, Marmelade und alles aus der Region. Orangensaft und Kaffee natürlich inklusive. Auch die ländliche Musik aus dem Radio durfte nicht fehlen. Dem Schweizer Radio Eviva sei herzlich gedankt. Zum Frühstück unterhielten wir uns mit der Butler-Dame angeregt, während sie den Hand-Abwasch vom Familien Frühstück meisterte. Auch dies sind unbezahlbare Momente, welche es wohl nur im Null Stern Hotel gibt.

Abreise

Wenig Zeit später packten wir unsere Sachen zusammen und wurden von der Butlerin samt Milchkanne im Kofferraum und Kindern von der Alp „Göbsi“ wieder zurück an den Bahnhof gefahren. Nach einem herzlichen Dankeschön verabschiedeten wir uns. Sie ging ihre Milch verkaufen und wir fuhren einmal mehr durch das schöne Appenzellerland zurück. Ein spannendes Erlebnis endete hiermit. Und dabei hatten wir uns doch schon fast adoptiert gefühlt.

Übrigens: Für alle die welche sich fragen was passiert wenn es regnet. Das 0 Stern Hotel befindet sich dann im „Standby“ Modus. Eine entsprechende Vorrichtung kann in Windeseile eine Plane über das Bett gezogen werden. Darunter ist kein Platz zum übernachten, deshalb wird die Übernachtung in die Alphütte verlegt. Sollte von vorhinein klar sein das es regnet wird der Gaste via SMS und/oder Anruf gegen 15 Uhr am Anreisetag informiert.

Eine Nacht im 0 Stern Hotel kostet rund 300 CHF (290 EUR) inkl. Parkplatz, Transport, Willkommens-Getränke, Snack, Frühstück und dem Analog-Live-TV.

Weitere Informationen: Klick hier!

Executive Editor, Roger Hohl berichtet stets aus erster Hand. Schon seit jungen Jahren interessiert ihn die Welt der Luxus-Reisen. Er sammelt bereits seit 2006 Erfahrungen und Eindrücke im Luxus-Segment der Reisewelt. Von der Südsee über China und Asien, quer durch Europa bis nach Afrika und Amerika. Er ist stets auf der Suche nach den spektakulärsten und aussergewöhnlichsten Locations, gepaart mit dem best möglichen an Komfort und Service-Leistungen. Sein Fokus liegt dabei auf der uabhängigen und kritischen Wahrnehmung aus Sicht der anspruchsvollsten Klientel. Denn die heutige Kundschaft dieses Segments, erwartet höchste Qualität. Sein Credo (Leitspruch): Hart an der Grenze – aber stets fair!